Hochzeitsbräuche: Warum machen wir das eigentlich?

Aktualisiert: 21. Sept.
Etwas Altes, etwas Neues, etwas Geliehenes, etwas Blaues. Der Bräutigam darf die Braut vorher nicht sehen. Die Hochzeitstorte wird gemeinsam angeschnitten und wehe, einer hat dabei die Hand oben. Hochzeiten sind voll von Bräuchen, an die sich selbst Menschen halten, die im normalen Leben mit Traditionen eher wenig anfangen können.
Ich finde das ziemlich faszinierend.
Kaum wird geheiratet, tauchen plötzlich Schleier, Blumenkinder, Strumpfbänder und irgendwelche Gegenstände im Brautschuh auf. Manches davon finden wir wunderschön. Bei anderem wissen wir eigentlich gar nicht mehr, warum wir es machen.
Zeit also, sich ein paar dieser Hochzeitsbräuche genauer anzuschauen.
Warum brauchen wir überhaupt Hochzeitsbräuche?
Eine Hochzeit markiert einen Übergang. Zwei Menschen entscheiden sich füreinander und machen diese Entscheidung vor anderen sichtbar.
Rituale helfen uns seit Jahrhunderten dabei, solchen Momenten einen besonderen Rahmen zu geben. Einige haben ihre ursprüngliche Bedeutung inzwischen weitgehend verloren. Andere haben sich verändert oder werden heute einfach gemacht, weil sie schön sind.
Das finde ich völlig legitim.
Man muss schließlich nicht an Dämonen glauben, um einen Schleier zu tragen.
Böse Geister - spukt woanders!

Beim Thema Hochzeit scheinen böse Geister früher erstaunlich viel Zeit gehabt zu haben.
Dem Schleier wurden beispielsweise Schutzfunktionen zugeschrieben. Auch ähnliche Kleidung von Brautjungfern und Braut findet man in Überlieferungen im Zusammenhang mit dem Schutz der Braut vor bösen Einflüssen.
Eine Freundin aus Österreich erzählte mir einmal von einem anderen Brauch: Die Braut soll am Hochzeitstag einen Teil ihrer Unterwäsche verkehrt herum tragen, um böse Geister zu verwirren.
Ich habe dazu einige Fragen.
Ist hinten dann vorne? Welches Kleidungsstück eignet sich dafür am besten? Wie viel Unbehagen ist angemessen, um einen durchschnittlich motivierten Dämon in die Flucht zu schlagen?
Vielleicht sollten wir diesen Brauch einfach in der Vergangenheit lassen.
Auch Hochzeitsglöckchen werden traditionell mit der Abwehr böser Geister verbunden. Die funktionieren zumindest, ohne dass jemand seine Unterwäsche falsch herum anziehen muss.
Fortschritt.näher.
Shake your money maker
Nachdem wir ohnehin schon bei Unterwäsche angekommen sind, können wir direkt beim Strumpfband weitermachen.
Auf einer serbisch-bulgarischen Hochzeit habe ich einmal erlebt, wie die Braut, umringt von männlichen Gästen, langsam ihren Rock hochzog, während diese Geld boten. Das ging so lange, bis das Strumpfband zu sehen war. Anschließend durfte der Bräutigam es mit den Zähnen entfernen.
Ja.
Hochzeitsbräuche können interessant sein.
Geld spielt auch bei vielen anderen Hochzeitstraditionen eine Rolle. Je nach Land und Familie wird es in Umschlägen überreicht, an Kleidungsstücken oder Schärpen befestigt oder beim Tanzen verschenkt.
Meine amerikanische Schwägerin erzählte mir beispielsweise von Hochzeiten, bei denen Gäste für einen Tanz mit Braut oder Bräutigam bezahlen.
Da bleibt eigentlich nur:
Shake your money maker, shake your money maker.

Wer hat hier die Hosen an?
Auch die Hochzeitstorte kommt nicht einfach auf den Tisch, weil wir nach dem Essen noch ein bisschen Zucker brauchen.
Das gemeinsame Anschneiden gehört bei vielen Hochzeiten fest zum Programm. Besonders interessant wird dabei bekanntlich die Frage, wessen Hand oben liegt.
Diese Person soll später in der Ehe das Sagen haben.
Ich persönlich beobachte Brautpaare bei diesem Moment sehr gerne. Man erfährt innerhalb weniger Sekunden erstaunlich viel über die Dynamik zweier Menschen.
Ob die Handposition tatsächlich die Machtverhältnisse der nächsten 50 Jahre bestimmt, lasse ich an dieser Stelle offen.

Let's do this- together
Beim Baumstammsägen wird das Prinzip noch deutlicher.
Da stehen zwei frisch verheiratete Menschen in Hochzeitskleidung vor einem Baumstamm und sollen beweisen, dass sie gemeinsam ein Problem lösen können.
Romantik kann so schön sein.
Der Gedanke dahinter gefällt mir trotzdem: Ihr bekommt eine Aufgabe und schafft sie gemeinsam. Genau deshalb funktionieren solche Bräuche vermutlich bis heute.
Ob dafür zwingend eine Säge erforderlich ist, dürft ihr selbst entscheiden.
Ihr Kinderlein kommet
Blumenkinder gehören zu den bekanntesten Bildern einer Hochzeit.
Dem Blumenstreuen werden traditionell verschiedene Bedeutungen zugeschrieben, darunter Glück und Fruchtbarkeit. Heute dürfte für die meisten Paare ein anderer Grund entscheidender sein: Kleine Kinder mit Blumenkörbchen sehen einfach entzückend aus.
Solche ursprünglichen Bedeutungen muss man deshalb nicht übernehmen.
Ihr könnt einen Hochzeitsbrauch mögen, ohne seine historische Symbolik für eure eigene Ehe zu beanspruchen.
Das gilt gerade für Fruchtbarkeitsbräuche. Nicht jedes Paar möchte Kinder. Nicht jedes Paar kann Kinder bekommen. Manche Paare möchten bei ihrer Hochzeit schlicht nicht, dass Tante Herta ihnen mittels Blütenblättern Nachwuchs bestellt.
Auch das ist vollkommen in Ordnung.
Etwas Altes, etwas Neues, etwas Geliehenes, etwas Blaues und.....Aua, der Schuh drückt!
Something old,
something new,
something borrowed,
something blue,
and a sixpence in her shoe.
Der englische Hochzeitsbrauch hat längst auch bei uns seinen festen Platz gefunden.
Das Alte steht traditionell für die Verbindung zur Vergangenheit, das Neue für den beginnenden Lebensabschnitt. Etwas Geliehenes soll Glück mitbringen, Blau wird mit Treue verbunden. Der Sixpence im Schuh steht für Wohlstand.
In der Praxis lässt sich das wunderbar persönlich interpretieren.
Vielleicht tragt ihr ein Schmuckstück aus der Familie. Etwas Blaues versteckt sich im Brautstrauß oder an einem Kleidungsstück. Das Geliehene stammt von einem Menschen, der euch wichtig ist.
Beim Geldstück im Schuh bin ich pragmatisch.
Wenn ihr nach zwei Stunden eine Blase habt, wird der Wohlstand euch vermutlich auch nicht darüber hinwegtrösten.

Was davon gehört in eure Hochzeit?
Jetzt kommt der für mich eigentlich interessante Teil:
Nichts davon muss.
Traditionen können wunderschön sein, wenn sie euch etwas bedeuten. Vielleicht möchtet ihr einen Brauch aus eurer Familie weiterführen. Vielleicht bringt ihr unterschiedliche kulturelle Traditionen mit und möchtet beide sichtbar machen. Vielleicht findet ihr einen alten Brauch einfach lustig.
Dann nehmt ihn.
Falls euch etwas vollkommen fremd vorkommt, dürft ihr es weglassen.
Das gilt genauso für die Rituale innerhalb einer freien Trauung. Mittlerweile findet ihr hier im Blog deshalb auch konkrete Ideen, zum Beispiel zum Sandritual, zum Handfasting und zu Feuerritualen.
Auch die Hochzeitskerze hat einen eigenen Beitrag bekommen.
Wir müssen also nicht mehr – wie in der ursprünglichen Version dieses Artikels – darauf warten, dass ich die endlich schreibe. 😉
Mein Schatz, lass uns heiraten!
Ich mag Hochzeitsbräuche. Gerade weil man sie heute nicht mehr einfach übernehmen muss.
Wir können schauen, was dahintersteckt, darüber lachen und anschließend entscheiden, ob es zu euch gehört.
Falls ihr gerade eure freie Trauung plant und jemanden sucht, der mit euch genau das herausfindet, schreibt mir.
Ich freue mich auf euch und eure Love Tale.
🖤Marie-Christine




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